Ordnung

Ordnung

Oft werden Religionen als Hüter irgendwelcher Ordnungen und Gott als oberster Ordnungsstifter dargestellt und benutzt. Solches Denken kann natürlich einen soliden Anhaltspunkt in den Schöpfungsgeschichten der Bibel finden, in denen Gott bekanntlich als der große Ordner der Welt dargestellt wird. Dass es Himmel und Erde, Wasser und Land, Tiere und Menschen gibt und so eine verlässliche Struktur die Welt regiert, wird ihm zugerechnet. Die Schöpfung schafft elementare Ordnung, und so Lebensräume, ohne die die Menschen nicht existieren könnten. Aufregend ist, dass der Jesus der Bergpredigt das Sich – Ausliefern an diese Schöpfung als das wahre Leben empfiehlt.

Was allerdings in den Schöpfungsgeschichten der Bibel auffällt, ist die Art und Weise der Herstellung der Ordnung durch Gott selbst: er schafft sie, indem er das Ganze, das als Chaos dargestellt wird, aufspaltet. Ordnung wird durch Teilung, ja Spaltung geschaffen. In gewisser Hinsicht praktiziert Gott hier den berühmten Grundsatz des „Teile und Herrsche“, der die Weltgeschichte dominiert. Ob das wohl auch der Grund ist, warum an der Schöpfung kein weibliches Wesen beteiligt wurde?

Menschliche Ordnungspraktiken verfahren nicht anders. Sie stellen Ordnung dadurch her, dass sie das eine vom anderen trennen und Grenzen des Verhaltens, des Empfindens, des Denkens einüben lassen. Dafür gibt es alle möglichen Mittel und Wege: von der Erziehung und Bildung über das alltägliche Tratschen und Klatschen bis hin zu Ressentiments und Vorurteilen. Wichtige Ordnungsbereiche dienen zudem in besonderer Weise der Identifizierung, wie zum Beispiel die eigene Familie oder die Nation, und werden imaginativ aufgeladen. Wesentliches Element solcher Ordnungen sind deswegen Gedanken- und Deutungsmuster, in denen ideelle Sortierungen vollzogen werden, die sich in der Interaktion niederschlagen. Es ist ausgesprochen schwer, Menschen aus solchen habituell realisierten Ordnungen zu befreien und ihnen die Relativität ihrer Haltung deutlich zu machen. Dafür braucht es in der Regel Krisen, die das Überkommene zerstören.

So deutlich ein solches Ordnungsverständnis am Beginn der Bibel zu stehen scheint, so viel weniger ist dies jedoch im Christusmythos der Fall. Kreuz und Auferstehung Jesu Christi verstoßen ganz elementar gegen Anstand und Sitte der Gesellschaft und stellen moralische und ethische Ordnungen fundamental infrage. Es ist eben derjenige, der mit der Macht der gesellschaftlichen Ordnungskräfte aus der Welt der Ordentlichen heraus gedrängt wird, den Gott wieder zum Leben erweckt. Deutlicher kann nicht gemacht werden, dass Ordnungen auch auf Kosten der Menschen existieren können und dies nicht gerade selten der Fall ist. Menschliche Ordnungen sind zutiefst Herrschafts- und Machtverhältnisse, die der Kritik ausgesetzt sein müssen. Und nirgendwo kommt dies deutlicher zum Ausdruck als in den Evangelien, in denen Jesu Praxis die Ordnungen immer wieder unterläuft und irritiert.

Insofern ist aus christlicher Sicht ein grundsätzlich ironisches Verhältnis zu jeder gesellschaftlichen Ordnung durchaus angemessen. Ein solches Verhalten löst die Ordnungen nicht auf, relativiert ihre Bedeutung aber im Praktizieren selbst. Der Christ, der zwar als Aufrechterhalter einer Ordnung tätig ist, wird Entsprechendes praktizieren, aber auch immer wieder auf die Funktion hinweisen, die diese Praxis hat und sie so bearbeitbar machen. Ein Richter wird also sein Urteil nach dem Gesetz fällen, aber um die Relativität dieses Tuns nicht nur wissen, sondern auch im Stil seines Urteilens deutlich werden lassen. Nicht die Ordnung, theologisch das Gesetz, ist das letzte und wichtigste, sondern das Leben, theologisch das Evangelium.

Es ist im Grunde genommen banal, wird aber im alltäglichen Umgang viel zu wenig deutlich, dass die Aufrechterhaltung einer gewissen Ordnung, von Institutionen, Organisationen und allen anderen Kooperationsformen von Menschen und damit von einer elementaren Sicherheit angesichts einer prinzipiell kontingenten Welt von nichts anderem als unser Fähigkeit uns durch Versprechen für eine ungewisse Zukunft zu binden abhängt. „Nur, wenn Versprechen gehalten werden, kann man sich selbst etwas versprechen und es halten.“ (Hanna Arendt). Nur so ist ein verbindliches Handeln zwischen Menschen, ist Kooperation – sind Verträge –  möglich. Versprechen setzt insofern vor allem Selbstbeherrschung voraus. „ Denn das Versprechen und die aus ihm sich ergebenden Abkommen und Verträge sind die einzigen Bindungen, welche eine Freiheit adäquat sind, die unter der Bedingung der Nicht-  Souveränität gegeben ist.“