Ergriffenheiten

„Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ 2. Kor. 3.17

Ergriffenheiten

Geistliche Transformationserfahrungen

Das ist die große Verheißung: dass der Geist des Herrn uns ergreift und auf diese Weise zu einem Leben in Freiheit hin verwandelt. Das ist der Kern der großen Transformation, die im christlichen Glauben verheißen wird. Was aber ist der Geist des Herrn, der diese Transformation bewirkt? Wo lässt er sich finden, wo lässt er sich identifizieren? Es ist näherhin, so wird es bei Paulus immer wieder deutlich, die Freiheit vom „Gesetz der Welt“, vom Gesetz dieser Welt, die der Geist Gottes bewirkt. Eine Freiheit mithin, die alles übertrifft, was erfahrbar ist. Das könnte dazu verführen, über den Geist im Wesentlichen, allgemein und abstrakt zu denken und sich damit in intellektuellen hohen Flügen künstlerischen Abstraktionen oder spezifischen abgehobenen Sonderwelten zu bewegen. Aber so ist es ganz und gar nicht, der Apostel denkt immer konkret. Er denkt polemisch, konfrontativ, er denkt immer von der Erfahrung der Heraufkunft des Neuen, von der Heraufkunft einer Zwischenzeit, die in ihm, in seinem Leben, in seiner Mission Gestalt gewinnt, vom Zeitalter des Messias. Von dieser Erfahrung legt er tastend und zögernd, nach Worten ringend und neue Worte formulierend sein Zeugnis ab. Der Geist reißt diese Zeit auf, er setzt uns zwischen die Stühle. Er entweltlicht die Welt und uns selbst, bringt uns in Distanz zur Welt, die auf einmal zu einem Stück längst weggeworfenen Abfalls werden kann. Der Geist kommt von außen, vom Jenseits auf uns zu und findet denn doch unter uns Platz.

Eine Szene der Geistesbegegnung: das National Museum of African American History and Culture, an der Mall in Washington. Zur Zeit meines Besuchs in 2014 wird es gerade umgebaut, als besondere Attraktion enthält es eine große Ausstellung unter dem Titel „Changing America: The Emancipation Proclamation, 1863, and the March on Washington, 1963.“ Zwei wichtige Ereignisse, die die amerikanische Real-, aber eben auch Geisteslandschaft verändert haben. Und so betritt man dieses Museum durch den großen Eingang und durch die große Zentralhalle, es ist wie immer von Menschen, insbesondere Schulklassen, prall gefüllt. Und dann geht man hinein in die Ausstellungsräume und sieht im Zentrum der großen Halle eine, auf den ersten Blick, völlig banal erscheinende Installation. Es handelt sich um eine Bar mit davorstehenden Barhockern und einer dahinter angebrachten Barinstallation, so wie man es in den amerikanischen Diner Restaurants überall auf der Welt findet. Typisch amerikanisch, so sagt man sich, und hält das Ganze für einen Hinweis auf die Designabteilung dieses großen Museums. Dann aber kommt man näher und liest die erklärenden Tafeln und Inschriften. Nein, dies ist in keiner Weise banal und kein Hinweis auf das Design der 50ziger Jahre. Es handelt sich um den sogenannten Greensboro-Lunch-Counter, einen Teil jenes Restaurants in Greensboro in North Carolina, wo 1960 zum ersten Mal in der Geschichte mehrere schwarze Amerikaner in einem für Weiße reservierten Restaurant Platz nahmen und sich etwas bestellten. Sie wurden prompt verhaftet. Mit ihrer Geschichte gewann die Bewegung für die Emanzipation der Schwarzen in Amerika, die dann mit dem March of  Washington 1963 einen gewissen Höhepunkt mit der Rede von Martin Luther King fand, einen ersten Höhepunkt.

Auf einmal wird diese banale Installation leuchtend. Sie gewinnt dadurch, dass an ihr sozusagen der Geist angeheftet ist, der Geist einer Befreiungsgeschichte, die, so wird dann doch sagen können, durchaus mit der Freiheit zu tun hat, die aus dem Geist des Herrn hervorgeht. Eine Befreiungsgeschichte, die eine immense Transformation wollte und bewirkte, die Transformation einer ganzen Gesellschaft hin, auf eine andere befreite, gleichberechtigte Logik ihres Zusammenlebens, wie sie einzig und allein, wie es Martin Luther King ausdrückte, den amerikanischen Traum entspricht.

So wird auf einmal deutlich, was das Aufreißen der Zeit, die messianische Zeiterfahrung, tatsächlich bedeuten kann: Es ist eine solche Zeiterfahrung, an der sich Gründungsmythen entzünden, von der her eine neue Story in die Welt gekommen ist. Zeit hat eine narrative Logik, besteht schlicht und einfach darin, dass eine Narration nach der anderen aneinandergereiht wird. Und die Brüche in der Zeit können sich an eben solchen banalen Symbolen festmachen, wie dieser Bar und diesem Barhocker von 1960. Aus dieser Perspektive gesehen, wird das Anfassen der Barhocker zu einem inspirierenden, einen selbst von der Erfahrung dieser Zeit ergreifenden Erlebnisses. Und auf einmal wird deutlich, was Zeithaben im Sinne des Paulus, im Sinne des Evangeliums bedeutet, nämlich voll in der Präsenz leben zu können, in der Präsenz dieses Geistes, der die Zeit aufreißt und ein Raum der Angstfreiheit eröffnet. Etwas davon müssen auch die Menschen gespürt haben, die damals in Greensboro beteiligt waren oder jedenfalls davon hörten, ein Signal des Aufatmens, einige haben es gewagt und sich gegen den großen Trend gestellt. Einige haben damit ein Tor aufgemacht zu neuen Hoffnungen, zu neuen Entwicklungen, vielleicht ein Tor zum Himmel.

Solche Geisterfahrung eröffnet auf einmal Erfahrungen der Fülle, die gegen die Erfahrungen der Not, der Enge und des Mangels im normalen bürgerlichen Leben stehen. Was fehlt also, wenn Religion, wenn dieser Geist nicht mehr präsent ist? Es fehlen genau diese Erfahrungen eines ganzen, vollen, sinnerfüllten und getragenen Lebens, diese Erfahrungen eines „relaxed fields“, wie es Robert Bellah in seinem großartigen Buch „Religion in Human Evolution“ als Eigenart wirklicher religiöser Erfahrung beschrieben hat. Mitten in äußerster Bedrohung beginnen Menschen plötzlich völlige Menschen zu sein, d. h. zu spielen. Nichts anderes ist die Funktionsweise von religiösen Ritualen. In dieser Hinsicht sind sehr viele religiöse Rituale sogar in stark hierarchischen Gesellschaften Rituale die Hierarchieumkehr. Bellah: „We live in a world where the struggle for existence still dominates and is not about to transform itself completely into a relaxed field. … Yet, the presents of relaxed fields is not without the influence on the world of the struggle of existence.” (S. 587) Mitten in der Evolution von Natur und Kultur haben sich Felder ergeben, die nicht nur mit dem survival of the fittest zu tun haben, sondern mit der Entwicklung ethischen Standards und freier Kreativität, in denen die Vorstellung eines wirklich freien, friedlichen und entspannten Lebens in der Fülle erhalten blieb. (S. 600)

Insofern: Was fehlt, wenn Religion fehlt? Es fehlt das Gegenüber zur Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, mit all ihren Rollen und Masken, Zwängen, ihren Hierarchien und Machtverhältnissen, es fehlt das Gegenüber zum Gesetz einer Gesellschaft, die in ihrem Kern auf der Kultivierung von Leiden aufbaut. Wobei es völlig unbestritten ist, dass dieses Leiden für die Einen oder Anderen ausgesprochen lustvoll sein kann. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der gegenseitigen Quälerei. Es ist die Geschichte einer Welt, die noch immer auf ihre Erlösung wartet. Nur deswegen ist das Warten auf die Ankunft des Geistes Gottes, das Bemühen sein Wirken wahrzunehmen und auf sich selbst wirken zu lassen, nach wie vor von alles entscheidender Bedeutung. Nur mittels eines Maßstabes jenseits dieser Gesellschaft, nur mittels einer Vorstellung vom Geist Gottes als absoluter Größe, als eine Größe der absoluten Forderung und Förderung, bleibt ein kritisches Verhältnis zu dieser Leidenswirklichkeit möglich. Ohne die Vorstellung dieses Jenseits der Gesellschaft unterliegen wir permanenten Selbsttäuschungen.

Dieser Grundgedanke vom Geist Gottes als das Gesetz der Welt transformierender Kraft soll nun in 10 Thesen entfaltet werden.

     1. Gedanke – Das Gesetz der Welt

Es ist ausgehebelt „das Gesetz der Welt“. So wird Paulus nicht müde zu betonen. Es mag in dieser Welt noch gelten, aber es erreicht uns, die wir im Geist leben, in Wirklichkeit schon längst nicht mehr. Was ist das aber, das Gesetz der Welt? Es ist die Grundstruktur einer Ordnung, die auf der Zuschreibung von Schuld und einer entsprechenden Erfahrung der Menschen beruht. Der gesellschaftliche Zusammenhang ist ein Zusammenhang der Schuld. Die einen schreiben den anderen Schuld für dieses und jenes zu und verhaften die Menschen in solchen umgreifenden Schuldzusammenhängen, in denen sie zappeln und schreien mögen, wie sie wollen – sie werden aus ihnen nicht entkommen. Allzu gerne wird dieser Zusammenhang verdrängt und durch süße Illusion überladen oder aber auch mit Worten der Pflicht oder Ähnlichem kaschiert, bis hin zum lustvollen, fast masochistischen Leiden. Aber die Zusammenhänge der Schuld sind alltäglich zu spüren, sie existieren zwischen Kindern und Eltern, zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Großeltern und anderen.

Der Zusammenhang der Schuld wird nicht zuletzt vor allem durch einen Mechanismus in unserer Gesellschaft gespeist und das ist der verpflichtende Dispositiv der Gabe. „All gifts are binding“ heißt im englischen, alle Geschenke verpflichten uns, sie verpflichten uns zur Gegenseitigkeit und stiften deswegen in uns ein schlechtes Gewissen, das nur durch ein Gegengeschenk wieder auszugleichen ist. Und daraus gibt es keinen Ausstieg. Es beginnt schon mit der Gabe des Lebens an uns, am Anfang unseres Lebens und es endet mit der Rücknahme dieses Lebens am Ende. Dazwischen haben wir mit der Abarbeitung der Schuld zutun, dass es uns gibt, dass wir uns deswegen bewähren müssen. Das Gesetz dieser Welt ist deswegen auch zutiefst ein religiöses Gesetz. Der Schöpfer Gott, den wir so oft und so gerne zitieren, wenn wir uns über die Bewahrung der Schöpfung Gedanken machen und ihn zu jemanden erklären, der diese Welt doch gut geschaffen hat, ist in dieser Hinsicht in keiner Weise etwas Harmloses oder nur Nettes, sondern er hält seinen Griff schwer über uns, in dem er uns in seine Ordnungen hinein verpflichtet.

Man kann ihn versuchen zu entkommen, gemäß dem Satz von Wilhelm Busch: Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner da, der ihm was tut. Aber auch in der Einsamkeit werden uns die Schuldgefühle nicht loslassen. Unser Leben besteht in der Rückzahlung einer Schuld und das wird uns auch immer wieder deutlich gemacht. Die war auch der religiöse und theologische Sinn der Ursünde. Sie mag ja heute angeblich von aufgeklärten Zeitgenossen für Blödsinn gehalten werden, aber eigentlich geht es gesellschaftlich gar nicht ohne sie, weil ohne die Grunderfahrung einer Schuld, die ich zurückzahlen muss, überhaupt kein gesellschaftlicher Zusammenhalt denkbar ist. Am deutlichsten ist dies in Familienzusammenhängen, aber dann auch gesellschaftlich gesehen in Generationenzusammenhängen zu spüren. Die Verpflichtung der jeweils nachwachsenden oder einem vorauslegenden Generationsmittels seinen eigenen Fähigkeiten zu helfen, vergattert uns in das Gesetz der Welt. Und auch all unsere Begabungen und Fähigkeiten können in dieser Hinsicht als Verpflichtungen, als öffentliche Güter verstanden werden, die es zurückzuzahlen gilt. Bei Simon Critchley „The faith of the faithless“ heißt es deswegen in Anknüpfung an Nitzsche: “Life is a series of repayment on a loan that you didn`t agree to, with ever increasing-interest, and which will cost you your life – it`s a death-pledge, a mort-gage.” (S. 189) Oder mit Heidegger: “Life is a business, whether or not, it covers its costes.” Und weiter mit Critchley:  “Debt is a way of being. It is, arguably, the way of being. This is why credit, and the credence in credit, its belief structure, is so important.” (ebda)

Dieses Phänomen lässt sich nicht aufteilen auf entweder die Umstände und Bedingungen, unter denen man lebt, oder auf das eigene verantwortliche Verhalten. Beides hängt beständig zusammen. Wir schaffen die Verhältnisse, unter denen wir dann selbst leiden. Auch deswegen ist es so schwierig, den entsprechenden Schuldfallen zu entkommen, insbesondere dann, wenn sie in Formen von Burn-out, innerer Kündigung oder anderen psychosomatischen Symptomen hautnah auf uns zukommen. Die Tipps, die es dann gibt „Sich mit seiner Leistung identifizieren.“ „Den eigenen Marktwert überprüfen und wenn möglich steigern.“ „Sich auf Krisen vorbereiten und jede Krise als Chance sehen.“ „Der Handelnde bleiben und nicht zum Behandelten werden.“ Sind solche Slogans, wie sie immer wieder empfohlen werden, wie sie aber den Einzelnen noch mehr in die Krise hineintreiben, da sie die Schuld vermehren. (Artikel von Werner Bartens, Süddeutsche Zeitung, 5./6. April 2014) Es braucht eine Befreiung aus diesen Schuldzirkeln, eine Freisprechung, Rechtfertigung des einzelnen Menschen. Wo kommt sie her?

     2. Gedanke – Wie konstruiert dieses Gesetz die Welt heute? Wie sieht die aktuelle Schuldverfangenheit der Menschen heute aus? Welche Welterfahrungen gibt es in dieser Hinsicht?

In einer spektakulären Weise sind sie in dem neuen Buch von Thomas Piketty „Capital in the twenty-first-century“ auf dem Punkt gebracht worden. Seine These ist, dass in den Jahren der Entwicklung des Kapitalismus in den 200 bis 300 Jahren eine Konstante gewirkt hat, nämlich die, dass die Entwicklung des Reichtums tendenziell die Entwicklung des Sozialprodukts übertroffen hat. Seit es Kapitalismus gibt, werden somit die Reichen immer reicher, was in der Tendenz zur Verschuldung aller anderen bei wenigen Reichen führt. Abgebremst wurde diese Entwicklung lediglich in Zeiten der Kapitalvernichtung wie den großen Kriegen oder den ganz großen Wirtschaftskrisen. Das Kapital ist folglich eine Struktur, die tendenziell alle zu Schuldnern, oder wenn so will, zu Sklaven macht. Dies ist besonders deutlich in den Jahren des Triumphes des Neoliberalismus von Reagan über Thatcher bis zu anderen geworden. Piketty kann gut nachweisen, wie in dieser Zeit progressive Steuern abgebaut, sozialstaatliche Leistungen reduziert und somit in vielen Ländern der Welt ein Abschied von der sozialen Verantwortung des Staates zelebriert worden ist.

Hinter dem allen steckt ausdrücklich bei den Führungspersonen wie Reagan und Thatcher ein religiöses Konzept, das den Einzelnen in seine völlige alleinige Verantwortung vor Gott und der Welt eingeordnet sieht und deswegen den Staat als letztlich bevormundende Struktur zerschlagen will. Aber mehr als dies ist es der Kapitalismus als Religion, der hier zum Tragen kommt. Es ist dies ein transzendenter Kapitalismus (Hirschle), der längst über die Zeiten hinaus ist, wo die Wirtschaft lebensnotwendige Güter produzierte und nunmehr mittels seiner heutigen Produktionsweisen nach den Seelen der Menschen greift. Die Wirtschaftsweise heute produziert Utopien, Sehnsüchte, Wunschvorstellungen und mittels ihrer verkauft sie ihre Produkte und macht ihren Gewinn. Sie verspricht Kreativität, ewiges Leben, Sex bis 100, ewige Schönheit und was auch immer. Und mittels all dieser Versprechen führt sie dazu, dass mittlerweile 85 Menschen soviel besitzen wie 50 % der Menschheit.

Dass zur Durchsetzung dieser Strukturen auch über Leichen gegangen wird, hat nicht erst die letzte Wirtschaftskrise, sondern schon bereits die großen Streiks in England 1984 gezeigt. Sehr eindrücklich ist die Darstellung in dem Roman „GB 84“ von David Peace, der die Geschichte des Bergarbeiterstreiks 84 und 85 erzählt. Diese Religion ist ganz und gar nicht friedlich, sie ist vielmehr sehr gewalttätig. Ihre Schergen prügeln den Menschen, die sich von der Schulderfahrung befreien wollen, immer wieder ein, dass sie selbst schuldig sind und sich dementsprechend untertänig verhalten müssen. Das gilt auch für die große weltgeschichtliche Transformation der Abschaffung des realen Sozialismus 1989. Bei aller heftigen Kritik in Sachen Freiheits- und Menschrechte die im Blick auf die Länder des realen Sozialismus zu richten ist, muss man dennoch festhalten, dass es wohl nie System in der Weltgeschichte gegeben hat, indem die kleinen Leute materiell dermaßen abgesichert und insofern angstfrei leben konnten, wie zu dieser Zeit. (vergleich entsprechenden Bildband) Natürlich ist es vollkommen richtig, dass diese Situation letztendlich mit daran Schuld war, dass die Wirtschaft ineffizient lief und in infolgedessen zusammenbrach. Aber umgekehrt ist auch diese Argumentation nur ein Hinweis darauf, wie sehr Effizienz mit anerzogener und letztlich eingeprügelter Schulderfahrung zutun hat. Verantwortlichkeit existiert als Angst vor den Folgen eigener Nichtachtsamkeit. Verantwortlichkeit im christlichen Sinne, im Sinne von Paulus und Jesus, existiert jedoch als Folge des Lebens in der Fülle als überschießende, empathische, liebevolle Zuwendung zu dieser Welt. Das ist eine ganz andere Struktur, als sie unter dem Gesetz der Welt anerzogen wird.

Hinzu kommt, dass diese Struktur mit einem Abschied von der Zukunft einhergeht. Man will immer mehr Gegenwart, weil es nichts anderes mehr gibt, und ist bereit, sich dafür an der Zukunft unendlich zu verschulden. Die Menschen erwarten keine Zukunft mehr. (Priddat, Seite 113) Sie erwarten den Himmel auf Erden, jetzt und gleich und die Wirtschaft verspricht ihnen das auch. Eigentlich haben sich die großen Versprechen der bürgerlichen Welt und des Kapitalismus lebensweltliche Steigerungen aller Art zu erzielen, längst eingelöst oder lassen sich im Blick auf die Zukunft längst kaufen. Insofern gibt es auch keinen wirklichen Fortschritt mehr, da über das, was man im Hier und Jetzt erfahren kann, hinaus kaum noch etwas gedacht wird. „Einen in seinem reduzierten Zeitlichkeitshorizont und vor allen seinen Auswirkungen weit dramatischer Fall ist die Börse der Gegenwart. In Sekundenbruchteilen können sich dort heute Konvergenzen der Investition und Reinvestition als finanzielle Bewegung zeigen, den sich andere Investoren anschließen oder von denen sie abweichen wollen. Die handlungsrelevante Zukunft der Wirtschaft ist – in diesen Bereichen zumindest – von Wochen oder Tagen auf Sekundenbruchteile heruntergefahren, ja möglicherweise zu einem Teil der Gegenwart geworden. Damit hat sich auch der Begriff des Handelns, vor allem im Hinblick auf das Selbstverständnis der Handelnden grundsätzlich verändert: man plant nicht mehr im Voraus, als ob man einen Text schriebe, sondern man reagiert schnell und fortgesetzt auf die Umwelt im Vertrauen auf die eigenen Intuitionen.“ Die Zeit schrumpft im Hier und Jetzt zusammen und verschuldet sich an der Zukunft. Hans Ulrich Gumbrecht, FAZ vom 11.03.2014) Damit ist aber eine Befreiung aus der Schuld und eine grundlegende Tranformation hin zu einer offenen Welt nicht mehr möglich. Das, was hier als Gegenwart erlebt wird, ist das genaue Gegenteil von der Zeiterfahrung, die der Messias heraufführt.

    3. Gedanke – Tun, was man nicht will

Nun wissen alle, dass das nicht gut gehen kann. Ein reines Befolgen des Gesetzes dieser Welt, führt zur Katastrophe. Es ist, als ob der Tunnelblick alles regiert, die Ressourcen dieser Erde aufgebraucht werden und die Menschen konsequent in den eigenen Untergang marschieren. Wir wissen alle, dass eine zunehmende Ungleichheit schlecht ist, für alle, dass die Reichtumskonzentration bei wenigen die Demokratie untergräbt und schließlich, erst was die Ressourcen dieser Welt anbetrifft, keine zweite Welt im Kofferraum liegt. Das Tempo, mit dem trotzdem die Prozesse vorangehen, ist angesichts der Erfahrung absurd. Es wird immer schneller, besonders schön kann man dies in Manhattan erleben, wo der Spruch „If you don´t know what you want, get out of the way“ die Zusammenhänge zwischen der selbst geschaffenen Struktur und der Selbstverantwortung der Menschen die unter dieser Struktur leiden, sehr schön zum Ausdruck bringt. Überhaupt Manhattan, New York ist das Symbol für diese Welt, die Stadt des dunkelsten Kommerzes, den höchsten Häusern und den ärmsten Menschen. Genau in dieser Hinsicht ist sie das Symbol für diese Welt. Eigentlich stellt dieses Gesetz der Welt so etwas wie eine eindeutige Krankheitsdiagnose aus. Aber entscheidend ist, dass viele dennoch gut mit dieser Krankheit leben. Sie scheinen sie zu brauchen.

Dabei ist eigentlich klar, was zu tun ist, es bräuchte eine Abkopplung vom Konsum, ein Runterfahren des Ressourcenverbrauchs und dies möglichst schnell. Und in einer weltweiten Perspektive gesehen wäre die Lösung eigentlich auch relativ simpel, die Abschaffung jeder Zuwanderungsschranken in die reichen Länder. Eine Masseneinwanderung von Menschen aus den armen Ländern wäre der schnellste Weg, Armut weltweit zu beseitigen. In den ergrauenden Gesellschaften können schnell und nachhaltig ins Arbeitsleben integrierte Zuwander erhebliches Leisten und die demografischen Krisen, inklusive dem Problem der Rentenversicherung, schnellstens beheben. Aber eine alternde und schrumpfende Bevölkerung macht ein Land nicht aufnahmefähiger für wirklich fremde Zuwanderer, im Gegenteil. (Erich Weder in der FAZ, 6. Juni 2014) Logisch, dass solche Vorstellungen keinerlei Chance auf Realisierung haben. Sie würden das gesamte Gefüge dieser Welt derartig durcheinanderbringen, dass heftige soziale Kämpfe die Folge wären. Eigentlich ist es fast zwingend in dieser Richtung nicht nur die Welt für das Kapital zu globalisieren, sondern wirklich auch für die Menschen zu globalisieren. Wir wissen, was zu tun wäre, aber wir tun es nicht.

Paulus kennt diese Situation in einer ganz anderen, aber doch ähnlichen Hinsicht ganz genau. Römer 7.5-10: „Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut sei. So tue ich nun dasselbe nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. So ich aber tue, was ich nicht will, so tue ich dasselbe nicht; sondern die Sünde, die in mir wohnt.“ Drastischer kann man die Zusammenhänge des Lebens unter dem Gesetz dieser Welt kaum mehr schildern. Es sind nicht nur die äußeren Bedingungen, sondern es ist die Verkehrung meines Willens durch das Gesetz dieser Welt, durch mein fleischliches Leben, was mich daran hindert, das Richtige, Notwendige und Gute zu tun. Und die Pervertierung meines Willens ist auch die Pervertierung des Willens Gottes in der Welt.

Es ist ja so richtig: „Eine andere Welt ist möglich!“ Aber, sie ist eben auch nur theoretisch möglich, praktisch bewegt sich mein Leben und das unseres Landes immer weiter in der eingefahrenen Bahn. Dies gilt auch angesichts unserer Wirtschaftsstruktur für die Unternehmen. So produzieren die großen deutschen Unternehmen seit vielen Jahren Nachhaltigkeitspflicht, in dem sie immer wieder nachweisen, dass sie pro von ihnen produzierte Einheit immer weniger Ressourcen verbrauchen (z. B. VW pro Auto, das es baut). Gleichzeitig aber streben diese Unternehmen an, mit ihren Produkten Weltmarktführer zu werden und die Produkte mit ihren Produkten zu überschwemmen. Der Widerspruch, der in diesen beiden Angaben steckt, wird aber in der Tunnellogik der Unternehmen mit Notwendigkeit nicht durchdiskutiert. Vielleicht wird er von einigen wahrgenommen, kann aber in der Darstellung des Unternehmens nicht wirklich platzgreifend, da sonst Zweifel an der Handlungsfähigkeit des einzelnen Unternehmens entstehen würden.

Es ist also nicht so einfach, nach Gottes Willen zu fragen, ihn dann zu tun und alles wird gut, auch religiöse Verhaltensweisen können vollkommen verdreht sein, guten Intensionen reichen jedenfalls nicht aus, sie reichen schon dann auf keinen Fall aus, wenn man glaubt, dass es gute Intensionen sein, die einen guten Menschen ausmachen würden. Oft lassen sich gute Intensionen nur mit verqueren Mitteln durchsetzen.

Es braucht folglich etwas anderes, es braucht eine andere Macht, eine Macht, die uns ergreift und dreht, die uns Menschen zum Licht hindreht, sodass wir gebunden sind an eine andere Wirklichkeit, die die jetzige wirklich transzendiert. Dann gibt es eine Freiheit, die im Kleinen wie im Großen Menschen über Schuldverstrickungen hinausgehen lässt.

    4. Gedanke – Transformation

Die Verheißung des Geistes besteht in dieser Richtung in der Transformation von uns – in der Transformation der Wirklichkeit der Welt. Dabei muss allerdings der Gedanke der Transformation ernst genommen werden. Es geht nicht primär um die Erfüllung unserer Wünsche, denn mit unseren Wünschen stecken wir stets noch in der alten Welt fest. Es geht vielmehr um die Wirkung unserer wirklichen Wünsche, unserer wahren Bedürfnisse. Sie werden durch das Wirken des Geistes überhaupt erst ins Leben gerufen. Die Kirche soll deswegen in der Spur des Geistes nicht Bedürfnisse befrieden, wie sie es immer wieder unheimlich gerne tut, weil sie dadurch die Anerkennung der Menschen bekommt, sondern deren wahre Bedürfnisse wecken und Menschen in ihren falschen Orientierungen kritisieren. Dies gilt heute vielleicht noch mehr als schon immer. Und sie gilt insbesondere im Blick auf die Wünsche und Vorstellungen, die Menschen heute ganz besonders heilig sind, d. h. ihre Illusionen vom Guten und vom Wahren. Eine niedrigschwellige Kirche, die in diesem Sinne die Menschen nur noch bestätigt, das ist es nicht. Dem Menschen zu helfen sich selbst zu verwirklichen, das ist es ebenso wenig. Warum es eigentlich geht, ist es, Menschen zu helfen, dass sie frei werden und sich selbst verlieren können, dass sie löschen können, was sie prägt und was sie in den Schuldverstrickungen dieser Welt festhält und in Fesseln leben lässt.

Dazu kann zählen:

  • Ganz klassisch, das, was bei Paulus, als das „Mit Christus Sterben und mit ihm Begraben werden“ bezeichnet wird. Die Erfahrung von sich selbst so stark distanziert zu sein, dass man sich selbst nicht erkennt und dadurch offen wird für das Einfließen neuer Energie und neuer Möglichkeiten.
  • Sich selbst fremd werden bzw. entdecken, wie fremd man sich schon immer war. In sich selbst dezentriert sein und die eigene Identität als konstruierte und von allen möglichen Kräften beeinflusste begreifen.
  • Sich selbst als Geschenk Gottes verstehen und versuchen zu begreifen, wie dies aussehen könnte. Vor allem: Was bedeutet in diesem Zusammenhang sich selbst als Geschenk Gottes verstehen, wenn einen dieses Geschenk umgekehrt in deutlicher Weise wieder an Gott selbst so stark bindet, dass man davon nicht wieder loskommt? Geschenke Gottes verpflichten nicht im Sinne des Evangeliums zur Rückzahlung. Menschen können diese Geschenke gar nicht zurückzahlen, sondern sie transponieren Menschen in einen Raum der Fülle und der Erfüllung und lassen sie darin leben. Überschießende Folge davon kann dann die Erfahrung von Liebe und Vertrauen in der Welt sein.
  • Oder aber noch weitergehend, mit mir selbst begabt sein. Was ist meine Begabung, die ich empfangen habe, worin besteht meine Berufung? Auch sie verpflichtet mich, es ist meine Aufgabe, aus ihr in dieser Welt etwas zu machen.

Ganz gleich, in, welcher dieser Beziehungen man sich bewegt, immer ist es so, dass mein Selbst sich im Verhältnis zur Erfahrung einer absoluten Forderung in sich selbst aufteilt. Ich bin dann noch ich selbst, aber ich bin dann auch jemand ganz anderes angesichts dieser Forderung. Ich kann vor dieser Forderung weglaufen und zu meinem alten ich zurückkehren, ich kann aber auch mich öffnen und ein anderer werden. Absoluter Forderung, die man erfährt, ist das, wovon man ergriffen ist und was einen selbst in Bewegung setzt.

    5. Gedanke – You are not your own

Das ist das Zentrum der transformativen Geisterfahrung. Du gehörst dir nicht! 1. Kor. 6-19 „Oder wisset ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt, so dass ihr euch nicht selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum so preist Gott mit eurem Leibe.“ Der Leib wird zum Tempel, in den der Heilige Geist wohnt, er ist in uns, wir haben ihn von Gott und deswegen gehören wir nicht mehr uns selbst. Entsprechend geheiligt ist unser Leib, in dem der Geist wohnt. Auch der Leib unterliegt in dieser Hinsicht der Transformation.

Dies ist eine ausgesprochen gefährliche Erfahrung, dabei kann man sich entgleiten und gefährlich ins Rutschen kommen. Ich bin nicht ich. Die Gelehrten haben hier von einer dezentrierten Identität gesprochen, es gibt nichts festes in mir, ich definiere mich durch etwas, was von Jenseits auf mich zukommt, was mich eben, wie schon gesagt, ergreift und bestimmt und in dessen Aura ich mich selbst erfahren kann, wenn man in dieser Hinsicht überhaupt von Selbsterfahrung noch sprechen kann. Paulus: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Galater 2 20 und weiter heißt es: „Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dargegeben.“ Meine Identität ist Christus, die Macht, die außerhalb von mir existiert, aber in der ich teilhabe haben kann, so etwas wie die geistliche Cloud und dieser Christus ist bei Paulus keine Chiffre für irgendeine Macht, sondern es ist stets rückbezogen auf die reale Person, dieses Jesus Christus vor 2000 Jahren in Palästina.

Authentizität gewinne ich durch das Klammern an diese Größe durch Nichtauthentizität. Stanley Hauerwas, Approaching the end, S. 75: “For Barth there is no kernel of the christian faith, because the faith begins and ends with the extraordinary claim that what we mean, when we say ‘God’, is to be determined by Mary’s willingness to be impregnated by the Holy Spirit.” Ergriffenheit heißt hier also, die Bereitschaft etwas zu empfangen, sich selbst finden zu lassen. Nicht wir haben Gott gesucht, sondern Gott hat uns gefunden. Für diese Situation gibt es wunderbare paradoxe Formeln, wie produktive Passivität oder passive Kreativität, nicht ich bin es, der hier handelt, wer aber handelt dann mit und an mir, in welchem Zusammenhang stehe ich dann, wie lasse ich mich bestimmen, sodass ich in diesem Bestimmen, sodass ich in diesem Bestimmen dennoch vollkommen frei bin? Wie kann ich die Mächte und Kräfte, die auf mich einwirken, eigentlich unterscheiden?

    6. Gedanke – Auf Abstand zur Welt

All diese Erfahrungen bringen mich auf Abstand zur Zeit, zur mir selbst, zu anderen, zur Welt. Darin besteht ein im Kern durchaus asozialer und unzeitliches Moment der Religion. Ist die Erfahrung aus der Zeit genommen zu sein und in eine Zwischenzeit hineingestellt, in eben die messianische Zeit, die Paulus so heftig erlebt, als die Zeit erfüllt war. Und Evangelium bedeutet eben genau dies, Zeit zu gewinne, das Stillstehen der Zeit zu erleben. Religiöse Zeiterfahrung hat nichts mit quantitativen Zeitverlauf, sondern mit einem höchst qualitativen Stillstand der Zeit zu tun. Es ist alles schon geschehen, dieses Gesetz der Welt bewegt mich nicht mehr, ich sehe aber noch nicht alles klar, ich bin neu ausgerichtet, es gibt einen neuen Rahmen meiner Erfahrung, ich weiß um Anfang und Ende meines Lebens und des Lebens dieser Welt und blicke auf eine Wirklichkeit weit darüber hinaus. Anfangs und Ende dieses meines Lebens sind noch lange nicht Anfang und Ende des Lebens überhaupt. „Denn wir wissen: Wenn unser irdisch Haus, diese Hütte zerbrochen wird, so haben wir einen Bau von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel, denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir nicht nackt entkleidet, sondern lieber überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.“ 2. Kor. 5.1. f

Aber lässt sich so etwas in unserer Welt, in der sich alle Verheißungen erfüllen lassen, überhaupt noch denken? Gibt es noch Bilder für diese alles überwältigende Hoffnung auf ein Leben in der Nähe Gottes? Muss man hier auf Abstraktionen ausweichen, die nur noch intellektuell nachzuvollziehen sind? Die Kirche wird in diesem Zusammenhang zu einer Waiting Community, zu einer Gemeinschaft, die auf ihre Erfüllung wartet. Ein besonders starkes Bild hierzu hat Stanley Hauerwas in seinem berühmten Buch über die Kirche unter dem Titel „Life in the Christian Colony“ gezeichnet. Christen sind in dieser Hinsicht auf der Erde wohnende Fremde, aus einer ganz anderen Welt, die hier ihr Leben eben in der Fremde gestalten, weil sie der Welt selbst fremd geworden sind. Das ist provozierend, weil so eigentlich niemand von uns lebt. Ein Leben stets zwei Meter über dem Erdboden und deswegen stets in der Gefahr, abzustürzen, aber auch sich im Blick der anderen lächerlich zu machen. Das funktioniert nur, wenn man sich selbst getragen weiß von einer größeren Macht.

7. Gedanke – Haben, als hätte man nicht

Fragt man nun nach der Haltung in dieser Zeit der Transformation, so lässt sich auch hier wunderbar auf Paulus zurückgreifen: 1. Kor. 7.29-31 „Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan müssen auch die da, die Frauen haben, dass sie seien, als hätten sie keine, und die da weinen, als weinten sie nicht, und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die da kaufen, als
besäßen sie es nicht; und die sie die Welt gebrauchen, als gebrauchten sie sie nicht, denn das Wesen dieser Welt vergeht.“ Gewagt Formulierungen! Sie erfolgen aber nicht aus libertinistischer Überschwänglichkeit oder aus einer; ganz modernen; ironischen Haltung, sondern aus dem Realismus, der aus der Erfahrung des Lebens in der Zwischenzeit resultiert. Es geht nicht um eine indifferente Gleichgültigkeit, sondern um das Leben auf dem Grad, um eine Gradwandwanderung zwischen dem Jetzt und dem, was kommt. Aus dieser Haltung heraus kann Christenmenschen immer wieder Vorwurf der Naivität gemacht werden und dies ist in der Geschichte des Christentums auch immer wieder erfolgt.

Das gilt insbesondere, was die Haltung von Christen gegenüber der Ökonomie anbetrifft. Jahrtausende, bis zur Reformation, haben glaubwürdige Christen das ökonomische Sicherungshandeln eher verachtet. Erst mit der Anerkennung des Weltlichen als ein Bewährungsfeld des Glaubens ändert sich dies in der Reformation. Aber noch im 19. Jahrhundert und bis heute hin wird die Eigenlogik des Ökonomischen, die am Eigeninteresse als einer festen Konstante ansetzt, christlich eher nicht ratifiziert. Wer sich selbst verleugnet und Nächstenliebe übt, ist derjenige, der christlich anerkannt wird. In dieser Hinsicht gilt es auch seinem eigenen Interesse zu folgen, als hätte man keines. Es ist kein Zynismus gegen diese Welt, sondern im Gegenteil, eine Form des Ernstnehmens der weltlichen Kräfte ohne sie gleichwohl zu überschätzen.

Diese „Haben als hätte man nicht“, ist eigentlich nichts anderes als eine Beschreibung der Liebe. Mit den Worten von Simon Critchley, S. 153: „The only proof of immortallity is the act of love, the daring that attemps to extend to beyond oneself by annihilating oneself, to project onto something that exceeds one´s powers of projection. To love is to give, what one does not have to receive one does not have and to receive that over which one has no power…the point is not to kill others, but to kill oneself in order that a transformed relation to others becomes possible, some new way of conceiving the common and being with others.” Laut Critchley ist dies der Beginn eines verantwortbaren Anarchismus. Anarchismus ist nicht etwas für die Zukunft, sondern die Frage, wie man jetzt lebt.

    8. Gedanke – The world becomes trash

Nun kann man und sollte man diesen Gedanken noch radikalisieren. Aus dieser Weltüberlegenheit, der Arroganz des Glaubens, erscheint die Welt alt auszusehen, sie wird mit den Worten von Simon Critchley im wahrsten Sinne des Wortes zu Abfall, the „world becomes trash“. Es geht um ein annihilating, um eine Vernichtung der Welt. Dies folgt Jesus Vorbild der Ignoranz der weltlichen Verhältnisse und der Praktizierung einer Form von umfassender Liebe, die in der Welt nur zur Aggression führen konnte. Anders herum wird genau diese umfassende arrogante Praktizierung von Liebe bei anderen dann wiederum dazu führen, dass sie Christus selbst als den Abfall der Welt, als den Trash, betrachten, dem man aus dem Wege räumen muss, ohne an irgendetwas schuldig zu werden, ja, im Gegenteil, man würde schuldig, wenn man es nicht täte. Völlig absurd den da am Kreuz, den von Gott und den Menschen verlassenen außerhalb der Kultur der Städte für Gott zu halten. Ein Symbol der Folter, nicht des Sieges, nicht der Schönheit (obwohl Jesus natürlich auch immer wieder so schön dargestellt worden ist).

Die Provokation dieses göttlichen Leidens bleibt bis heute und greift bis heute. Leiden ist göttlich, ist ein Satz, der nur auf Widerspruch stoßen kann und der dennoch die Realität des Menschen als des leidenden Wesens bestens beschreibt.

    9. Gedanke – Liebe

Nun ist dies nicht der letzte Gedanke, denn so wie das Gesetz der Welt nicht einfach ausgehebelt werden kann, so bleibt es eben auch so, dass dieser Trash geliebt wird. Geist erfüllt sich in der Liebe zu dem Partikularen, zu dieser Welt des Abfalls. Darum geht es Paulus letztlich: nicht irgendwelche absurden Ergriffenheiten oder Unterwerfungen werden als Geist erfahren, sondern die liebende Zuwendung. Sie allein kann helfen, das Richtige zu tun, Liebe zu dieser Welt, zu diesen Menschen, zu diesen Armen und Reichen. Wie heißt es bei Cornell West:„Justice is what love looks like in public, you can´t lead the people if you don´t love the people, you can`t save the people, if you don´t serve the people.”

Von daher rekonstruiert Paulus alles, Römer 8.21f: „Denn auch die Kreatur wird frei werden vom Dienst des vergänglichen Wesens zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstigt, sich noch immer da. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir haben des Geistes Erstlinge, sehnen uns auch bei uns selbst nach der Kindschaft und warten auf unsers Leibes Erlösung. Denn wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man des hoffen, dass man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.“ Die Welt, die Schöpfung ist schwanger, sie sehnt sich nach dieser Liebe dieser Befreiung.

Um es mit Simon Critchley zu sagen: „Corrupted by the fall but save by the resurrection, creation groans in travail. That is, both human nature and external nature are pregnant and undergoing the pangs of childbirth. This is Paul`s understanding of the present time; it is pregnant with the possibility of redemption and this gives us a reason to hope. But hope requires patience and awaiting.” Und das dies schließt auf Seite 206 mit dem bemerkenswerten Satz: “It is only a being who is constitutively impotent that is capable of receiving that over which it has no power: love.” Schwanger, mit der Möglichkeit der Erlösung, gleichzeitig konstitutiv, unfähig, das zu empfangen, worüber es selbst keine Macht hat, nämlich die Liebe. Darin liegt Macht und Machtlosigkeit zugleich. Lieben kann nur, wer sich selbst lieben lässt, d. h., wer der Liebe sein Selbst zum Opfer bringt.

    10. Gedanke – Do not kill others kill yourself

Dass aber bedeutet alles zusammengenommen: die Transformation beginnt mit der Selbsttransformation, mit der Verwandlung meines selbst in Gott hinein. Insofern gilt, was Simon Critchley mit Gustav Landauer zitiert: „Do not kill others, kill yourself.“ Nur so lässt sich in eins mit der Welt leben und nur so lässt sich letztendlich auch kooperativ und solidarisch sein.

Also gerade Nichtverwirklichung meiner Person, sondern Verwirklichung meines Selbst, meines geschenkten Selbst, ist der Weg, wie Transformation möglich wird. Entschiedenes Handeln, aber ein entschiedenes Handeln, was aus dem Empfang der Liebe heraus resultiert. Kein Handeln, um etwas durchzusetzen, sondern um seiner Durchsetzung zu folgen. Ich lasse mich mir selbst schenken und folge der Spur dieses Geschenks, das ist der Weg. Wenn ich mich mir selbst schenken lasse, erfährt meine gesamte Wahrnehmungsstruktur eine Umwandlung dahin gehend, dass die Struktur der Gabe letztlich alles umgreift. Nicht mich selbst erschaffend, nicht kreativ, sondern rekreativ, die Welt rekonstruierend, als Platz des Wartens nicht als Höhepunkt und Ende der Welt. „Learn how to die daily and to be resurrectet.“ Das ist es, worauf es letztlich drauf ankommt. Das ist die transformative Haltung, die umfassende Tranformation im geistlichen Sinne ermöglicht.

Fazit: Die so beschriebene Haltung scheint mir die entscheidende Alternative zum Gesetz der Welt, zum Gesetz der Verschuldung, zur Verzweiflung in ihr zur wachsenden Ungleichheit zu sein.

Darin liegt eine große Freiheit, in diesem Sinne man selbst und man doch nicht man selbst sein zu können. Die Haltung ist dann die eines Wartens auf diesen Geist. Ein Geist, der sich nicht in der Abstraktion oder Wolke 7 manifestiert oder im ganz konkreten alltäglichen Leben, so z. B. in jener Pflegeleiterin, die begeisternd davon erzählen kann, wie wunderbar es ist, anderen Menschen die Füße zu waschen oder eben in der Banalität und Trivialität dieser Barinstallation dort in Washington im Museum zum Ausdruck kommt, die doch eine so große Bedeutung hat. Diese Freiheit kann auch darin bestehen, sich selbst für die Liebe zu opfern und dies als höchsten Ausdruck der eigenen Freiheit zu sehen. So war es möglicherweise bei den Männern dort am Greenboro Counter und so ist es bei Paulus mit Sicherheit gewesen.

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