Der Habitus

Der Habitus

Was einstmals bei Paulus und vielen anderen als Sünde, ja dann ab Augustin als Erbsünde, als die wesentliche Barriere zwischen Gott und den Menschen und auch zwischen den Menschen begriffen worden ist, lässt sich heute fast perfekt mit der Vorstellung des Habitus illustrieren, wie sie insbesondere der große französische Soziologe Pierre Bourdieu entfaltet hat. Dabei muss man gar nicht auf die vielfältigen theologischen Anleihen zurückgehen, die Bourdieu selbst vornimmt, sondern auf seine ureigensten Definitionen, die den Menschen als in seinem Habitus – und damit in seinen sozialen Strukturen – Gefangenen beschreiben. Im Habitus ist der Mensch auf das zurückgeworfen und an das gefesselt, was ihn hervorgebracht hat. In der Sünde ist er auf sich selbst zurückgeworfen, gekrümmt um sein eigenes ich und kann dem nicht entkommen. Er lebt als beständig auf sich bezogen, von den anderen von Gott und damit von seinem wahren Leben entfremdet und im falschen Leben eingesperrt.

Was ist der Habitus? Der Habitus stellt eine Art körperlichen Speichers desjenigen Wissens, der Erfahrungen und Deutungsmuster dar, die sich in der Zugehörigkeit zu einer spezifischen sozialen Lage entwickelt haben. Er ist sozusagen die verkörperte Sozialstruktur. Am Habitus kann man deswegen jederzeit ablesen an welchen Platz in der sozialen Hierarchie jemand gehört. Es ist folglich keine Frage von intentionalen Einstellungen oder Überzeugungen sondern betrifft ganz fundamental die körperliche Haltung. So wie sich jemand gibt, jemand aufrecht geht, steht und bei gewissen Gelegenheiten das Wort ergreifen kann oder stumm bleibt , so wie jemand isst und trinkt, so wird er eingeschätzt und verortet. Was zählt sind mithin weniger die groben sondern die feinen Unterschiede zwischen den Menschen, die allerdings sehr viel genauer als die groben wahrgenommen werden. Entscheidender Punkt ist, dass das keine von außen zurechenbare Funktion darstellt oder auch nur äußerlich verbleiben würden sondern sozusagen die Identität des Menschen ausmacht. Es gibt hier keine Trennung zwischen innen und außen: der Körper ist der Leib. Ich habe keinen Habitus – ich bin mein Habitus.

Gewissermaßen der Höhepunkt des Konzepts ist seine Reduktion von Liebe auf die sozialen Umstände: die Homogamie. Es verlieben sich (und heiraten ggfls) genau diejenigen, deren Habitus eng beinander liegen. Nur dann, wenn man Geschmack aneinander hat – und den erzeugt eben der Habitus – kommt man miteinander zu recht und findet Gefallen aneinander bis hin zur Ekstase. Die romantische Liebe überdeckt folglich nur die tatsächliche, alltägliche Kalkulation. Daraus bewusst auszubrechen und jemanden zu lieben, der einer sozial ganz anderen Welt angehört, ist zwar gerne ein Thema volkstümlicher Unterhaltung – aber schon rein statistisch gesehen keine Realität. Theologisch – symbolisch gesagt: der Habitus verhindert die freie Zuwendung zum anderen. Wer im Habitus gefangen ist, kann nicht wirklich lieben. Mein Körper ist gehemmt, schambesetzt, verdreht in sich selbst.

Gegen diese im Kern zutiefst reduktionistische Vorstellung menschlicher Erfahrung und Handlungswelten steht die Vorstellung von einer grundlegenden Kreativität des Handelns, wie sie in der Tradition des Pragmatismus in Deutschland von Hans Joas vertreten worden ist. Demgemäß bietet jede Situation immer wieder die Chance etwas Neues in die Welt zu setzen – und dies insbesondere dann, wenn es Einflüsse gibt, die ergreifend das menschliche Handeln beeinflussen. In jeder Erfahrung steckt so stets die Referenz auf einen Bezugsrahmen, der über das hinausgeht, was sich bisher gezeigt hat. Joas ist deutlich, dass Kreativität des Handelns ganz besonders im künstlerischen Handeln kultiviert wird. Insofern ist das künstlerische Handeln der besondere Testfall gerade auch für die Theorie des Habitus.

Das Feld, in dem sich jemand bewegt, stellt ein System von Dispositionen dar, die durch den Habitus zu einem begrenzten Raum von Möglichkeiten schrumpfen: „Personen, ohne die man nicht machen würde, was man macht und gegen die man macht, was man macht.“ Es sind folglich nicht die Absichten, die bestimmen, wie sich ein Mensch verhält sondern es sind die in seinem Körper gebundenen Sozialstrukturen, die seine Absichten formatieren. Das vermeintlich Äußere der sozialen Bedingungen verwandelt sich über den Habitus in innere Bedingtheiten, wie Absichten und Geschmäcker, und formt auf diese Weise die möglichen Handlungsvollzüge. Die Erfahrungswelten der Menschen sind mithin von Anfang an konditioniert. So etwas wie Kreativität des Handelns kann Bourdieu folglich nicht denken.

Besonders interessant deswegen seine großen Studien über Manet und Flaubert, in denen er den Künstler in seinem spezifischen Feld verortet und seine Produktivität aus den vorfindlichen Widersprüchen und Gegensätzen entwickelt. Beide begnügen sich nicht mit den Möglichkeiten, die ihnen geboten werden, sondern suchen sie zu überspringen. Aber sie tun dies angetrieben aus ihrer Position im Feld: „Jeder in einem Feld Befindlichen ist bestimmt durch die Verneinung anderer Positionen in diesem Feld.“ Ihre künstlerische Innovation ist somit zugleich ein Einsatz im Feld gegenüber anderen möglichen Formen, dem gegenüber sie sich definieren muss. „Manet erträgt also diejenigen nicht, die es anders machen und ist daher zu einer totalen Revolution verurteilt, eine Revolution, die Form und Inhalt betrifft.“ In Bezug auf Manet und Flaubert könnte man es vielleicht so verstehen, dass diese als Protagonisten ihres Habitus ihn sozusagen per se artikulieren und dadurch Kunst erschaffen. Sie können ihm damit auch nicht entfliehen aber schaffen es, ihm als Reduktion ihrer Möglichkeiten ein Stück weit zu entkommen. Gerade weil das Praktischwerden der Kunst im Habitus liegt und nicht den Absichten des Künstlers geschuldet ist birgt das Werk viel mehr als er selbst intentional hineinlegen kann, so Bourdieus These. Es wird deutlich, dass Bourdieu die große Kunst nicht auf vorgegebene sozial strukturelle Konditionen reduzieren will, sondern ihr Möglichkeiten der Transzendierung zubilligt. Ob das allerdings überzeugend ist, kann gefragt werden.

Um den Habitus als Form der Sünde begreifen zu können, muss man nicht von vornherein ausschließen, dass es überhaupt keine Formen seine Überwindung geben könnte. Die Kreativität des Handelns, die durch spezifische Ergriffenheiten zustande kommt, und sich gerade so als frei begreifen kann, könnte durchaus mit religiösen Befreiungs- oder Erlösungsvorstellungen verbunden sein. Bei Bourdieu sind solche Befreiungsakte aus dem eigenen Habitus eigentlich nicht möglich. Höchstens kann die intellektuelle theoretische Arbeit im Sinne einer Schau von außen so etwas anschieben. Aber insgesamt ist seine Weltsicht ausgesprochen skeptisch, was besonders deutlich in seinem großen Werk „Das Elend der Welt“ wird. Niemals würde er selbst in dieser Hinsicht eine religiöse Lösung anerkennen. Christlich gesehen muss das aber nicht das letzte Wort sein. Die Imaginationen der Fülle im christlichen Glauben können die Gefängnisse des Habitus nicht nur verdecken sondern unter Umständen auch öffnen.

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