Der Staat

Der Staat

Sozusagen von Beginn an spielt der Staat im christlichen Denken eine große Rolle. Paulus benennt ihn als etwas in der Übergangszeit pragmatisch hin zu Nehmendes, was Ordnung stiften kann, die auch dem Leben der Christen zugutekommt. Keinesfalls aber heiligt er ihn und billigt ihm ein göttliches Recht aus eigener Kraft zu, was dann später über Hunderte von Jahren lang geschieht. Erst ganz spät kommen spezifische Kreise im Christentum auf die Idee, dem Staat ein Recht aus eigener Kraft abzusprechen und ihm als Funktion der Gesellschaft bzw. als Produkt freier Bürger zu begreifen. Tatsächlich muss eine solche republikanische oder auch demokratische Idee außerhalb der USA gegen die Kirche als Vertreter eines von Gott gestifteten Staates bisweilen mit Gewalt durchgesetzt werden. Und noch bis heute gibt es christliche Traditionen, so besonders stark in den Ostkirchen, die dem Staat als solchen göttliche Dignität zu billigen. Ihm kämen dann gewisse Funktionen, so zum Beispiel der Anwendung von Gewalt, von vornherein zu, auch ohne dass dies einer Legitimierung durch die Bürger bedürfe.

Diese nicht aurottbaren christlichen, substantiellen Vorstellungen vom Staat, bestätigen eine Einsicht nicht nur moderner Soziologie, die Pierre Bourdieu zusammengefasst hat: „Diese mystische Realität (= des Staates) existiert dank ihrer Effekte und dank ihres kollektiven Glaubens an ihrer Existenz, eines Glaubens, dem diese Effekte zu Grunde liegen.“ Der Kern des ganzen ist mithin nicht so sehr die reale sondern die symbolische Gewalt, die der Staat über die Bürger ausübt und zwar umso drastischer, je mehr sie ihre staatsbürgerlichen Selbstverwaltungskompetenzen aus der Hand geben und dem Staat ursprünglich treuhänderisch anvertrauen. Dieser Prozess vollzieht sich spätestens seit der massivsten Enteignungswelle der Geschichte, nämlich der Übertragung der Kirchengüter an den Start während der Reformation und dann natürlich im 18. und 19. Jahrhundert. Dabei wird der Prozess durch gewaltige Versprechen auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit legitimiert, die sich insbesondere auf das Schul- und das Sozialsystem richten. Das Schulsystem hat dabei eine erhebliche ideologische Verkleisterungsfunktion, weil es bis heute tatsächlich die Aufgabe hat, Kinder aus benachteiligten Schichten in ihrer Benachteiligung zu halten – aber beständig vorgibt, das Gegenteil erreichen zu wollen. Ähnlich, könnte man sagen, funktioniert der gesamte Staatsapparat. Bourdieu zitiert David Hume: „Nichts erscheint denen, die die menschlichen Angelegenheiten mit philosophischem Blick betrachten erstaunlicher als die Leichtigkeit, mit der die viel von den wenigen regiert werden.“

Entscheidend für die Bürger sind die spürbaren Effekte des Staates- und sie konzentrieren sich im Wirken der Verwaltung, die mit Max Weber als Herrschaft im Alltag begriffen werden muss. Tatsächlich schafft es die Verwaltung heute besser als vielleicht jemals zuvor, diejenigen in einen Schuldstatus zu versetzen, die irgendetwas in der Gesellschaft produktiv bewirken wollen und sich dementsprechend anstrengen. Sie bekommen ein mieses Gewissen eingeredet, weil sie etwas Neues wollen und müssen das dann ausführlich vor Leuten begründen, die das inhaltlich gar nicht beurteilen können. Das Ziel des Ganzen ist weniger sachlich durch die notwendige Erbringung von Ressourcen für die staatlichen Leistungen bedingt sondern zielt immer wieder auf die Unterwerfung unter die Verwaltung und damit unter den Staat.

Genau genommen ist dies für freie Menschen unerträglich. Die Legitimation könnte nur darin bestehen, dass der Staat durch die Bereitstellung von Leistungen wiederum genau jene Voraussetzungen schafft, die die Freiheit der Bürger ermöglicht. Dazu gehören damals wie heute vor allem der Bereich sozialer und bildungsmäßiger Leistungen. Daran muss er gemessen und die Loyalität zu ihm bewährt werden. Dennoch werden Christenmenschen den Staat heute eher ertragen, als dass sie sich ihm voll und ganz unterordnen würden. Letztendlich muss er christlich gesehen ein Instrument sein, damit Menschen ihre Berufung erfüllen können.

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