Taufe

Taufe

Vor gut 30 Jahren hat Axel Honneth mit seinem Buch „Kampf um Anerkennung – Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte“ eine neue Sichtweise für gesellschaftliche Auseinandersetzungen in die Diskussion eingeführt: stets ginge es um Anerkennung. Während vorher an dieser Stelle vor allem der Interessenbegriff stand, und zwar stark abgezweckt auf materielle Interessen, wurde es nun möglich das elementare Bedürfnis jedes Menschen nach Anerkennung durch andere als Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und damit als stets umkämpft anzusehen. Deutlich wurde so, dass Menschen mit all ihren Interessen stets dem Urteil anderer unterworfen sind und in dieser prinzipiell abhängigen Situation um Durchsetzung ihrer eigenen Geltung kämpfen. Sozialer Wandel bedeutet deswegen immer auch eine Neuverteilung von Anerkennung – früher hätte man in diesem Zusammenhang von der Zurechnung von Ehre gesprochen. Moralische Geltung hat nur derjenige, dem Anerkennung zuerkannt werden kann.

Honneth hat aus dieser Situation ein Grundgesetz einer freien Gesellschaft abgeleitet und dies später in einer ausführlichen Gesellschaftstheorie breit ausgearbeitet. Eine freie Gesellschaft kann nur eine sein, in der Menschen zur Selbstbeschränkung ihrer eigenen Willkür bereit sind und sie sind es nur dann, wenn sie die Anerkennung anderer erfahren. Mangelt es jedoch an solche Anerkennung, dann fühle ich mich zur Durchsetzung meiner eigenen Interessen ohne Berücksichtigung der anderer genötigt. Anerkennung zu erfahren, ist folglich nötig um überhaupt soziale Zusammenhänge gestalten zu können und in ihnen – und nicht vielmehr gegen sie – eine Identität zu entwickeln. Ausdrücklich bezieht sich Honneth mit diesen Überlegungen auf die Traditionen des deutschen Idealismus und insbesondere auf die Identitätskonzepte Hegels.

Näherhin entfaltet Honneth sodann als Muster intersubjektiver Anerkennung Liebe, Recht und Solidarität und als ihre Antithesen Vergewaltigung, Entrechtung und Entwürdigung. Soziale Missachtung ist folglich der Kern sozialer Konflikte, der sich in verschiedenen Formen sozialen Verhaltens entwickeln kann und durch Praktiken der Anerkennung befriedet wird. Indem ich Anerkennung erfahre,  entwickelt sich in mir Selbstachtung, die sich positiv im Verhalten zu anderen auswirken kann. Ich reagiere so auf die Haltung der Gemeinschaft, in der ich lebe und gegenüber der ich durch ihre Anerkennung zugleich Bindung und Freiheit erfahre. Jedes Individuum erfährt sich wechselseitig in seiner individuellen Besonderheit und trägt in dieser Hinsicht zur Reproduktion des Gemeinwesens bei.

Die Überlegungen sind ausgesprochen faszinierend und auch immer wieder von Theologen zur Begründung einer eigenen, christlich grundierten, Praxis genutzt worden. Dabei ist jedoch erstaunlich zu sehen, dass die dem Christentum und anderen Religionen eigentümliche Form der Anerkennung durch Gott kaum in den Blick gerät. Im Christentum kommt diese Anerkennung in besonderer Prägnanz in der Praxis der Taufe zum Ausdruck, in der der Mensch von Gott an Kindes statt angenommen und somit ausdrücklich transzendental anerkannt wird. Neben den Anerkennungspraktiken von Liebe, Recht und Solidarität gibt es folglich auch so etwas wie eine transzendentale Anerkennung, deren Bedeutung insbesondere in der frühkindlichen religiösen Sozialisation kaum zu vernachlässigen ist aber auch in der Lebenswelt von Erwachsenen als Bindung an überempirische Maßstäbe immer wieder deutlich wird. Es ist dies eine Anerkennung, die gerade nicht in weltlichen Bezügen aufgeht und deswegen auch nicht mit ihnen zusammen verschwindet. Mein Bezug zu Gott kann mich jederzeit tragen, auch wenn alle möglichen anderen Bezüge längst weggebrochen sind.

Warum verzichtet Axel Honneth darauf, diese Form elementarster Anerkennung zum Thema zu machen – wie er auch sonst in seinem Werk, das in vielerlei Hinsicht christliche ethische Orientierungen aufgreift, Religion nicht aufgreift? In dem die Muster von Liebe, Recht und Solidarität selbst noch einmal in einem triangulären Bezug mit Gott eingeholt würden, könnten sie an Komplexität eigentlich nur gewinnen. Und dies dadurch, dass ein solcher Bezug sie gerade produktiv übersteigen würde. Liebe, Recht und Solidarität sind selbst stets auf Anerkennung angewiesen.

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