Bildung

Bildung

In einem präzisen Sinne besteht Bildung darin, die eigene Erfahrungswelt im Kontext der Triangulation Ich – Du – Gott durchzuarbeiten. Das vollzieht sich als eminente Selbsttätigkeit aber es bedarf dazu natürlich der Anleitung, was die primäre Aufgabe der Kirche ist. Man könnte nun meinen, dass damit religiöse Bildung als Kern jeder Bildung bezeichnet wäre, was auch nicht völlig absurd ist, aber es geht ihr nicht darum alles Bildungsgeschehen durch religiöse Formeln zu rahmen, sondern alles was geschieht stets als offen in dieser Dreiheit zu erleben. Folglich ist damit vor allem ein kritisches Prinzip bezeichnet, das das Abschließen von Erfahrungswelten grundsätzlich infrage stellt: Das was erfahren werden kann, ist stets noch viel umfassender als es in der Situation den Anschein hat. Dass Ich – Du Verhältnis ist stets gerahmt von etwas Drittem, das dieses Verhältnis beeinflusst und ins Bewusstsein gehoben werden sollte, soweit das geht. Damit wird jede Situation aus selbstverständlichen, quasi organischen Bezügen herausgelöst. Das gilt gerade für mein Ich, das sich bildet.

Geht man weit zurück in die Entwicklung der ersten modernen Bildungskonzeptionen so kommt die Triangulation durch die Ein-Bildung in das Bild Gottes, d.h. durch die Meditation des Christusgeschehens, also durch Imagination, zustande. Die Welt wird erfahren als vollendet in dem Geschehen der Evangelien. Sie sind transparent auf alles hin, was geschieht und umgekehrt ist das was geschieht, transparent auf Christus hin. Die Aneignung der Welt durch mich erfolgt so mittels der Ein-Bildung in dieses Bild Christi, das sich dann in mir ent-faltet oder ent-wickelt: Unsere noch heute verwendete Sprache kann ihre mystischen Ursprünge nicht verleugnen. Der Lehrende hat die Aufgabe, diese „Selbstverwirklichung Christi“ in mir in Gang zu setzen. Mehr nicht. Dabei kommt allerdings dem verbum externum entscheidende Bedeutung zu. Bildung ist Abarbeitung an dem Fremden Gottes – an der Fremdheit der Welt. Und sie bleibt fremd, kann nicht total verinnerlicht werden. Die Realität Gottes – bezeugt in der Bibel – hält uns gegenüber als eine andere Welt stand und zwingt uns, uns mit ihrer Andersartigkeit zu leben.

Das klingt nun alles heutzutage recht seltsam, aber es stellt im Grunde genommen nur einen Weg dar, wie sich menschliche Identität in eins mit den Anderen und der übergreifenden Realität Gottes ausbilden kann. Hans Joas Begriff der Ergriffenheit beschreibt in heutiger Sprache ziemlich genau, wie gute Bildung in einem Menschen geschehen kann: das, worum es in der Bildung im Kern geht, nämlich unsere Bestimmung als Menschen zu erkennen und zu leben, verschafft sich Raum im Innern eines Menschen und formt ihn von innen her um. Es ist sein eigenes Tun, was hier am Werke ist; nichts Fremdes. Ganz im Gegenteil ist dieses was ihn ergreift, verbunden mit einem Gefühl höchster Freiheit, ja stellt selbst die Eröffnung von Freiheit dar. Mit Bernhard Dressler formuliert: „Wir haben gleichsam Religion, als hätten wir sie gewählt, auch wenn sie uns ergriffen hat.“ Und umgekehrt.

Das Ziel der Bildung wäre so etwas wie eine „gelöste Authentizität“. D.h. ein Leben mit mir selbst, mit meinem Selbst, in Kohärenz mit Dir und mit Gott. Dabei greifen aktiv-passive Momente, des sich Selbst – Bestimmen – Lassens zusammen mit höchster Aufmerksamkeit und Sensibilität des Ichs zusammen. In dem Kontext jedes Überwältigtwerden auszuschließen, würde das alles zu einem harmlosen Kaffeekränzchen machen. Nein: das Überwältigtwerden wird in der Triangulation sozusagen „aufgehoben“. So wie ich eine alles andere plattmachende Begegnung mit Beethovens Streichkonzerten Dir niemals so vermitteln kann, wie ich es erlebte. Und das ist gut so, denn es zivilisiert das Überwältigtwerden.

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