Alles wird gut

Alles wird gut

Mark Forster behauptet in einem seiner Songs, dass alles gut wird: „Egal was kommt, es wird gut, sowieso. Immer geht neue Tür auf, irgendwo. Auch wenn‘s gerade nicht so läuft wie gewohnt. Egal, es wird gut, sowieso.“ Das ist ein Topos der sich in populärer Musik immer wieder findet: „Und immer, immer wieder geht die Sonne auf!“ Menschen hören gerne, dass am Ende alles gut wird. Und wenn es noch nicht gut ist, so der passende Spruch, dann ist es noch nicht das Ende. Das kann vollkommen trivial daherkommen aber auch philosophischer eingepackt. Und schön wäre es ja auch, wenn man sich darauf verlassen könnte. Aber jeder weiß, dass es nicht so ist.

Dennoch kann man die Frage stellen, was denn die Voraussetzung dafür wäre, dass tatsächlich alles gut wird. Tatsächlich ist das eine Aussage gegen alle mögliche Erfahrung; eine Behauptung gegen alle Fakten. Denn Fakt ist, dass alle Menschen sterben werden, was gemeinhin als nicht gut angesehen wird. Dass alles gut wird kann also nur dann gesagt werden wenn man das eigene Sterben und das Sterben von anderen bejaht oder aber – und dann auch ergänzend dazu – wenn man sich auf die Auferstehung der Toten bezieht. Damit die Welt gut werden kann, müssen die Toten auferstehen. So einfach ist das! Aber geht es dann überhaupt noch um die Welt?

Die „Notwendigkeit“ der Auferstehung ist nun auch noch dadurch gegeben, dass nur durch eine irgendwie geartete Begegnung mit den Toten all das unendliche Leid in irgendeiner Form gesühnt oder vergeben werden könnte, das es bisher in der Geschichte der Menschheit gegeben hat. Deswegen gibt es in den Glaubenswelten des Christentums die Vorstellung von einem endgültigen Gericht nach der Auferstehung der Toten, in dem die Bösen bestraft und die Guten belohnt werden. Heute hätten wir es gerne, dass solch ein Gericht bereits zu Lebzeiten veranstaltet werden würde. Aber das ist angesichts der unendlichen Vielfalt von Demütigungen, Beleidigungen, Kränkungen, Vergewaltigungen und anderen noch viel ungeheuerlicheren Grausamkeiten kaum möglich. Zudem kann das Leiden der Milliarden von Verstorbenen natürlich faktisch nicht mehr geheilt werden. Eine Behauptung, ein gutes Leben gelebt zu haben nur für mich, nur für einzelne oder vielleicht einzelne Gruppen und Völker reklamiert, würde diese Zusammenhänge ausblenden und damit im Kern die inhumane Praxis der Vergangenheit sanktionieren. In dieser Hinsicht gilt der berühmte Satz von Theodor W Adorno auf jeden Fall: „Es gibt kein gutes Leben im falschen.“

Zugespitzt bedeutet dies, dass die moderne Vorstellung von der Möglichkeit eines guten und heilen Lebens nur dann aufrechterhalten werden kann, wenn das unendliche Leiden der vielen anderen ausgeblendet wird. Linn Tonstad hat diese Situation in einem wunderbaren Aufsatz über Verletzlichkeit so zugespitzt: „Man is produced by projecting his own vulnerabilities onto his others, thereby distinguishing himself from them. His autonony is thus always false autonomy, predicated on the subjugation of others and the denial of his relationality to and with them.“ Folglich gehört das Leiden konstitutiv zum Menschsein dazu. Nur durch die Annahme der eigenen Verletzlichkeit hindurch – und damit letztlich durch die Annahme des eigenen Sterbens – wäre ein Leben wirklich gerechtfertigt.

Die Erinnerung an das Leid der Schöpfung und der Menschen darf folglich niemals ausgelöscht werden. Sonst kann es weder Empathie noch wirkliche Versöhnung geben. An dieser Erinnerung kann man verzweifeln. Dennoch leben zu können hätte folglich die klassisch lutherische Struktur des Lebens aus getrösteter Verzweiflung. Und solch ein Leben kann nur eines sein, das im Zugehen auf den Tod in der Zeit ein solidarisches Handeln mit anderen ist, dass auf eine Wirklichkeit vorgreift, die größer ist als alle denkbaren Vorstellungen eines guten Lebens. In dieser Perspektive könnte dann die Frage, ob auch die bösen Menschen in den Himmel kommen, eigentlich nur mit einem entschiedenen Ja! beantwortet werden. Aber dann auch mit dem Zusatz: „Aber dort geht es Ihnen dreckig!“