Möglichkeiten der Kirche

Möglichkeiten der Kirche

Und die Kirche? Was will diese selbstbewusste Generation von ihr noch hören?  Zunächst mal schlicht nichts mehr – erst auf Nachfrage und Insistieren kommen dann doch einige tragende Erinnerungen. Sie sind aber nicht sonderlich prägnant: Mit Christus und dem Heiligen Geist zu kommen, wäre wohl eher schockierend und abstoßend. Aber das tut ja heute auch kaum noch jemand in der Kirche. Eine lockere Einstellung zur Kirche, die, wenn überhaupt, längst in Richtung Zugehörigkeit – oder vielleicht besser gesagt: bloßer Wertschätzung – geht, gibt es längst. Da braucht die Kirche keine Schwellen mehr zu senken. Und bewusste Mitgliedschaft („Ich bin Kirche!“) ist selten anzutreffen. Ist das die Zukunft?

Was man gerne von der Kirche hören würde, wären vermutlich – wie bei jeder Generation – Affirmationen der eigenen Grundhaltungen: des Ich-Selbst und der Familie. Das ist auch, wie gesagt, theologisch durchaus möglich. Aber wohl nicht bruchlos. Eine transzendentale Anrufung meines Ichs lässt mich nicht so bleiben, wie ich glaube zu sein. Das Gegenteil trifft eher zu. Gottes Rechtfertigung gilt dem Sünder, der ich bin: Ich bin nicht so toll, wie ich mir das gerne einbilde. Und erst durch Gottes Zuwendung werde ich ein wirklich liebender Mensch.  So jedenfalls kann man das in der Kirche hören. Ich bin auf jeden Fall nicht allein durch mich selbst (und meine Familie) geworden, was ich bin, sondern ich bin ein Geschenk Gottes: Von ihm mit mir selbst beschenkt. Genau diese Dynamik macht mich gemeinschaftsfähig und solidarisch. 

Ein säkularisiertes Abbild dieser Haltung – der absoluten Abhängigkeit von Gott – war noch in der vorherigen Generation die Schuldigkeit „der Gesellschaft“ für alles Mögliche. Auch das war eine generationelle Krankheit. Aber sie hielt immerhin noch die Vorstellung von prägenden Mächten außerhalb von mir selbst wach, denen man nur gemeinsam – in Parteien und Bewegungen und mit Institutionen – wirksam begegnen konnte. Das scheint vorbei zu sein. Was heute bleibt, sind letztlich nur noch Familien, Banden.  

Und die Familie? Klassisch sind Familienwerte als solche christlich affin und die Kirche reproduziert sich in enger Symbiose mit Familien. Gott ist Vater und Mutter zugleich; die heilige Familie: Joseph und Maria und Jesus werden zu Weihnachten immer wieder nachgespielt … Gott hat eine Familiengestalt — er ist sozusagen eine virtuelle Familie. Jesus hat das bekanntlich nicht ganz so eng gesehen, aber in dieser Aufstellung konnte religiöse Sozialisation jahrhundertelang „gelingen“. Einen Nachklang davon gibt es in den Gesprächen immer noch. Und mehr noch: Wer als Kind nie diesen heiligen Klang hören konnte, der ist schnell ganz außen vor und kann mit Gott gar nichts mehr anfangen. So bleibt die Verknüpfung von Kirche und Familien elementar. Kann sie durch Kindergärten, Kinder- und Familienarbeit in den Kirchengemeinden oder durch den Religionsunterricht in der Schule ersetzt werden? Erkennbar leistet der Konfirmationsunterricht – auch in der Erinnerung unserer jungen Menschen – eine Menge. Das ist eine große Leistung der Pastorinnen und Pastoren und anderen, die ihn erteilen. Die Konficamps aller Art sind wirklich toll! Am „wirksamsten“ allerdings sind sie bei denen, die von zu Hause schon etwas mitbringen. 

Man könnte nun weitere „Angebote“ der Kirche durchgehen – das Muster bleibt gleich. Sicherlich erfährt all dies Wertschätzung – für die anderen, die Älteren, Schwächeren, Kranken — nicht für mich. Und diese Sicht ist ja nun nicht neu, bloß dass diese anderen immer weniger werden. Alles das, wofür Kirche und Religion nützlich sein könnten – bis hin zur Kontingenzbewältigung bei Krankheit und Tod – lässt sich auch anderswo bekommen – und vielleicht sogar in besserer Qualität. Da hilft keine pointierte Öffnung der Kirche, kein Niederreißen von irgendwelchen Schwellen, die gar nicht das Problem sind. Die Evangelischen Studierendengemeinden z. B., so fand eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD vor einigen Jahren heraus, können noch so tolle Angebote machen: Ihr Image als ein geschlossener Kreis von kauzigen Frommen lässt sich nicht wirklich verändern.

Und dennoch liegt ja gerade hier vielleicht der Schlüssel zum Ganzen: Christlich religiöse Kommunikation verläuft, wenn sie überhaupt noch Anlässe findet, höchst selbstreferentiell ab. Das meint: Sie ist immer weniger allgemein plausibel und braucht immer häufiger die Bestätigung unter „Ihresgleichen“ — glaubenden Menschen und christlicher oder allgemein religiöser Symbolik als Kontext. Außerhalb davon bleibt sie bestenfalls unsichtbar oder ist schlicht gar nicht existent (was sozial gesehen dasselbe ist). Niklas Luhmann behält mit seiner berühmten Prognose recht: „Es gibt keine außerreligiösen Gründe mehr, religiös zu sein.“ Für die jüngeren Menschen zwischen 19 und 27 Jahren trifft das auf jeden Fall voll zu.

Folglich muss der christliche Glaube – und seine Agentur, die Kirche – seine Fremdheit in dieser Generation wahr- und annehmen. Es ist eine – vielleicht die erste – wirklich postchristliche Generation. Gott ist weitgehend verschwunden. Und es ist nicht nur vergessen, dass man ihn vergessen hat. Es hat sich ein anderer Gott auf den Thron gesetzt: „Ich weiß nicht, ich würde mich vielleicht selber an die Stelle von Gott setzen.“ Die Begründung dafür ist schlicht zwingend: „Nicht, weil ich selbst perfektioniert bin, aber wenn wir die ganze Zeit davon sprechen, dass man alles selbst in der Hand hat, gibt es ja außer uns niemanden, der das so streng leitet und dadurch, dass wir die Entscheidungen treffen, sind wir auch dafür verantwortlich.“ Euphorisch klingt das nicht – und dafür gibt es ja auch keinen Grund. Man muss selbst die Welt tragen. Lässt sich daran noch irgendwie anknüpfen – lassen sich da noch Brücken zur Kirche bauen? Braucht es nicht vielmehr so etwas wie …. „Bekehrung“? Das ist sicherlich viel zu massiv. Und man darf das auch überhaupt nicht sagen, ohne exkommuniziert zu werden? Was bildet der von der Kirche sich da ein?   

Vielleicht besser dann doch so: „Da ist jemand, der dein Herz versteht und der mit dir bis ans Ende geht. Wenn du selber nicht mehr an dich glaubst, dann ist da jemand, der dir den Schatten von der Seele nimmt und dich sicher nach Hause bringt. Immer wenn du es am meisten brauchst, dann ist da jemand!“ (Adel Tawil)

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