Die Ich – Gesellschaft

Die Ich – Gesellschaft

Aber gilt das wirklich für jede Generation, wie damals der Song behauptete?  Blickt man in die Studie des SI über 19 – 27Jährige hinein, so kommt man schnell ins Zweifeln. Das Ich eingebettet im Wir?  Geradezu provozierend selbstgewiss kommt diese jetzige junge Generation daher. Was ist das Wichtigste in Ihrem Leben? Antwort ganz klar: Natürlich: ICH!  Ich selbst. Was sonst? Und dann lernen wir noch: dieses Ich ist allerdings ganz und gar nicht allein – es lebt in einem intimen, geschlossenen Resonanzraum: der Familie. Sie ist sozusagen das ausgedehnte Ich. Sie ist der mit großem Abstand wichtigste Lebensbereich. Das bestätigen auch andere Studien. Verblüffend z. B.: Fast 3/4 aller Jugendlichen würden ihre Kinder so erziehen, wie ihre Eltern sie erzogen haben (ermittelte die letzte Shell-Jugendstudie 2015). Sicherlich gibt es auch Konflikte, aber im Kern: Eine wahrhaft heile Welt, in der diese Generation aufgewachsen ist. Eltern und Kinder sind beste Freunde. Und das ist ja auch gut so. Wer würde denn etwas anderes wünschen wollen? Kompliment an die Elterngeneration, die das geschafft hat! Völlig undenkbar in meiner Generation (ich bin jetzt 65).

Und so kommen einem nun auch andere, aktuellere Lieder in den Sinn: „Du kannst zu den Sternen fliegen, am Orion vorbei, im Marianengraben tauchen – fühl dich frei. Ich bin für immer dein Freund!“ (Gruppe „Ich und Ich“). Freiheit, Ermutigung, Zuspruch total: Du bist das Größte! Wie man hört, wird dieses Lied nicht selten bei Taufen gewünscht. Ist das das Gottesbild dieser Generation? „Du kannst alles machen! Ich halte zu dir!“ Es hat ohne Frage eine große Faszination. Nicht mehr der mit seinen Geboten einengende, gar Gehorsam und Nachfolge fordernde biblische Gott, an den ich glauben soll – ja für den ich da bin, dominiert das Geschehen. Es ist genau umgekehrt: Dieser Gott glaubt an mich! Er ist die große Resonanzkugel, die zurückschallt, wenn ich schreie: „Kann mich irgendjemand hören? Ist da draußen irgendwer?“ („Joris“)  Aber ist das wirklich mehr als narzisstische Selbstverliebtheit und Gott eine reine Überhöhung meines Ich? So etwas wäre heilbar, gerade mit der Hilfe des christlichen Gottes, aber dazu müsste man erst einmal die Einsicht in die eigene Krankheit gewinnen. Und da sind die Familien davor.

Andererseits: Dass Gott mich hört, wenn ich zu ihm rufe, ist ja nun in der Tat tiefste christliche Glaubensüberzeugung. Ja und auch, dass er mich beschützt, gar gegen meine Feinde und mir in ihrem Angesicht einen Tisch bereitet – archaischer geht es gar nicht mehr. Selbst, dass der Segen nicht nur über mir allein, sondern auf meiner Familie liegt, steht in der Bibel. Und auch, dass er Menschen beauftragt: Einzelne beruft und mit Vollmacht ausstattet, in seinem Namen zu reden und zu handeln. „Folge Deiner Berufung!“ – das ist auch ein zentrales Thema im christlichen Glauben (nicht nur auf den derzeitigen Plakaten der Bundeswehr). Insofern: Dass Gott sozusagen an mich glaubt, bevor ich an ihn lerne zu glauben, ist tiefste Glaubensüberzeugung und liegt jeder Taufe zugrunde: „Du hast mich gebildet im Mutterleib. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.“ (Psalm 139,13) Mein Narzissmus ist in Gott immer schon aufgehoben. Aber deswegen immer auch schon gebrochen, denn ich habe mich nicht selbst erschaffen und ich berufe mich nicht selbst. Insofern bin ich selbst niemals das Wichtigste, sondern stets Teil des Ganzen. Und natürlich ist es schön, wenn es mir gut geht – niemand: kein Mensch, keine Kirche hat das Recht, mir Leiden zuzumuten – aber der Sinn meines Lebens besteht doch nicht in meinem Wohlleben. Wo sollte solch eine Lebenseinstellung denn enden?

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