Ambivalenzen der Individualisierung

Ambivalenzen der Individualisierung

Nun hat die letzte, jetzt langsam abtretende Generation in langen Jahren gelernt, Prozesse der immer weiteren Ausbildung und Kultivierung des Ich als Individualisierung nicht nur anzuerkennen, sondern auch zu fördern. Schon früh wurde deutlich, dass mit ihr eine möglicherweise durchaus gefährliche Desinstitutionalisierung der Gesellschaft einhergehen könnte: Aufgelöst in Bedürfnisse der vereinzelten Subjekte bildet sich nur noch temporär Gemeinschaft und Solidarität heraus. Keine Institution der Welt geht allein im Nutzen für Einzelne auf. Sie steht immer auch für das Ganze. Statt zu den Sternen zu fliegen oder im Weltall nach Resonanzen zu forschen, wäre die Begegnung mit den anderen, mit denen wir zusammenleben, Kooperation, soziales Engagement, Schaffung von Zusammenhalt zentral. Aber in dieser Hinsicht ist das Interesse — freundlich gesagt — begrenzt. Weder bestimmt die Gesellschaft nennenswert mein Leben (was natürlich andererseits auch wieder ein Zeichen von Freiheit ist!), noch fühle ich mich überhaupt noch irgendwo außerhalb meiner privaten Kreise eingebunden. Soziales Engagement? Nur 8 Prozent insgesamt halten das persönlich für wichtig (aber immerhin 16 Prozent von denen, die sich als religiös bezeichnen) – das Leben zu genießen und Spaß zu haben allerdings 38 Prozent (bei den Religiösen immerhin nur 23 Prozent). Es gehört nicht zu den fünf wichtigsten Punkten im Leben. Allgemein kann es natürlich dennoch von Bedeutung sein: Im letzten Freiwilligensurvey 2014 gaben 46,9 Prozent der Altersgruppe an, freiwillig engagiert zu sein.  Die großen Sorgen der Menschen zwischen 19 und 27 Jahren richten sich auf Krankheit, Tod und Alter – Klimawandel etc. kommt weiter hinten.

Andererseits hat das Ganze auch wiederum einen großen Charme: Die Entfaltungsmöglichkeiten der Einzelnen explodieren. Der Flug am Orion vorbei bleibt kein Traum. Gestellt auf sich allein (bzw. auf seine Familie) ist fast alles möglich. Zentral sind die diesbezüglichen Versprechen der Ökonomie, insbesondere der Kommunikationsökonomie. Ihr geht es längst nicht mehr um die Beseitigung des Mangels, sondern um die Verzauberung der Menschen mit ihren Produkten. Die Fülle, der Überfluss ist reale Verheißung. Das neoliberale-sozialdarwinistische Paradigma toppt das alles noch: Der aller sozialen Verpflichtungen ledige Einzelne ist das attraktive Role-Model dieser Welt. Ihn und sie treffen wir in unserer Studie wieder. Fast erinnert das an Lucky Luciano: Die Familien sind die organisierenden Banden dieser Welt, die auf Moral und Gesetz keine Rücksicht nehmen.

Vielleicht ist das übertrieben. Aber wie dem auch sei.  Man hat die Lektionen der neuen Welt perfekt gelernt: „So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht!“ (Margaret Thatcher) Und ist glücklich und zufrieden damit. „Hauptsache, mir geht es gut!“ Oder als echte Karikatur: „Wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht!“ Mit  Individualisierung war immer noch ein letzter Bezug zum Ganzen, zur Gesellschaft verbunden. Aber nun? Singularisierung ist der neue Trend!

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